Rezension: „Ein König wird beseitigt“

By mifu - Last updated: Donnerstag, Dezember 3, 2009 - Save & Share - One Comment

„Ein König wird beseitigt“.
Als einer der renommiertesten Psychiater widmet sich Prof. Dr. Heinz Häfner dem „Märchenkönig“ von einer neuen Perspektive aus.
Häfner hatte Zugang zu sonst verschlossenen Quellen und führt aus, welche Rolle die damalige Psychiatrie als „brauchbares Hilfsmittel“ zur Absetzung eines Herrschers spielte.

Heinz Häfner: „Ein König wird beseitigt“

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Im Frühjahr 2004 wird ein in Mannheim lebender Psychiater gebeten, anlässlich der Jahresfeier der Heidelberger Akademie der Wissenschaften eine Festrede zu halten. Man einigt sich auf das Thema „König Ludwig II. von Bayern“ und so findet Heinz Häfner einen ersten wissenschaftlichen Kontakt zu dem gemeinhin als „Märchenkönig“ verklärten Menschen.

Es war sein erster Kontakt mit dem Thema und dem Monarchen, und so arbeitete sich Heinz Häfner in die Symptome, in die Leiden Ludwigs ein. Häfner gelangte zu einer neuen Beurteilung der problematischen und belasteten Biografie und diagnostizierte ein zunehmendes Suchtverhalten. Unter Berücksichtigung und Würdigung von Ludwigs Fähigkeiten und Leistungen, die nur zu oft ignoriert werden, fand Häfner alle Merkmale einer „nicht substanzgebundenen Sucht“ – Ludwig war „bausüchtig“.

Sehr kritisch geht Häfner auch mit seiner eigenen Zunft um: die Psychiatrie hatte sich 1886 als „brauchbares Hilfsmittel zur Absetzung von Herrschern erwiesen, obgleich ihr Instrumentarium ziemlich fragwürdig war“.

Der 1926 in München geborene Heinz Häfner studierte Medizin, Psychologie und Philosophie und absolvierte dann eine ärztliche Ausbildung in Tübingen, München und London. 1958 kam er nach Heidelberg und wurde dort einige Jahre später Mitglied der Heidelberger Medizinischen Fakultät. 1967 erhielt er den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg.

Häfner war einer der Gründer und später langjähriger Direktor des „Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI)“; schon sehr früh beschäftigte er sich mit der Psychiatrie-Reform in Deutschland und mit dem Umgang der Gesellschaft mit ihren psychisch Kranken. Heute leitet er die Arbeitsgruppe Schizophrenieforschung am ZI und veröffentlichte seine Erkenntnisse im Jahr 2000 mit dem Buch „Das Rätsel der Schizophrenie – Eine Krankheit wird entschlüsselt“.

Für sein Lebenswerk wurde er im November 2008 auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin mit dem angesehenen Hermann-Simon-Preis ausgezeichnet. Hermann Simon (1867-1947) gilt als Vater der systematischen Arbeitstherapie für psychisch Kranke und revidierte entscheidend die Auffassung seiner Zeit vom „sozial unbrauchbaren Kranken“. Mit dem nach ihm benannten Preis werden seit 35 Jahren Persönlichkeiten ausgezeichnet, die von einem ärztlichen und wissenschaftlichen Geist im Sinne Simons geprägt sind.

Im Rahmen des DGPPN-Kongresses gab mir Prof. Dr. Häfner die Gelegenheit, mich mit ihm ausführlich über sein neues Buch und den Reaktionen in der Presse auszutauschen.

Das Titelbild seines Buches stammt aus einer Serie der Fotos nach einer Schweiz-Reise, die Ludwig (inkognito) mit dem jungen Schauspieler Josef Kainz unternommen hatte. Auch wenn die Beziehung damals unter keinem guten Stern stand, war Kainz doch eine wichtige Bezugsperson für Ludwig. Die beiden ließen eine kleine Fotoserie anfertigen, bei der schon damals ein Bild retuschiert wurde: Kainz legte seine Hand auf Ludwigs Schulter – der komplette Arm wurde wegretuschiert. So stellt das Bild, auf dem Kainz jetzt ganz entfernt wurde, sicher auch symbolhaft den Zustand Ludwigs dar: als Sinnbild für das Fehlende, für fehlende Zuneigung, Liebe und Verständnis – und auch für den Eingriff anderer.

Wie sich im Gespräch herausstellte, wurde Häfner in seiner wissenschaftlichen Laufbahn schon mit manchen Unwägbarkeiten und Hindernissen konfrontiert. Sein oberster Leitgedanke ist dabei immer der Grundsatz von der Freiheit der Wissenschaft. So stößt es ihm schon früh auf, dass „die historische Wahrheitsfindung (…) nicht gerade uneingeschränkt gefördert“ wurde in diesem Projekt.

Erbe der Archive ist unter anderem das Geheime Hausarchiv, eingegliedert als Abteilung im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Obwohl dessen Nutzung im Bayerischen Archivgesetz geregelt ist, versuchte man auf die Arbeit und das Ergebnis Häfners Einfluss zu nehmen. Häfner spricht von „Hindernissen des Zutritts zu den Geheimen Hausarchiven ehemaliger Herrscherfamilien“. Offenbar kann auch heute, im nachfeudalistischen Zeitalter, immer noch nach Gutsherrenart entschieden werden.

Im Gegensatz zu anderen, die sich mit Ludwig II. beschäftigen, muss Häfner auf keine Eitelkeiten Rücksicht nehmen. So kann er viele Fakten unvoreingenommen einordnen und bewerten, ohne gleichzeitig unter dem Druck zu stehen, Sensationen oder Gefälligkeiten liefern zu müssen.

Andere Autoren blenden wichtige Charakterzüge aus oder umschreiben sie nur verschämt; speziell die Gefühle Ludwigs werden oftmals gar nicht erwähnt oder nur stark verzerrt dargestellt. So verwundert es auch nicht, dass sich einige Kritiker besonders auf die von Häfner als „vierte Entwicklungslinie“ herausgearbeitete „Homoerotische Passion“ stürzten und hier genüsslich über den „Missbrauch von Reitersoldaten“ berichteten.

Der objektive Leser erkennt aber schnell, dass Häfner Ludwig eben nicht nur auf das Sexuelle reduziert, sondern vielmehr die Einschränkung der Freiheit und der Gefühle betrachtet, die sich aus dieser emotionalen Unterdrückung ergeben. Homosexualität muss hier nicht gleichbedeutend mit „gleichgeschlechtlichem Sex praktizieren“ verbunden werden; die Zuneigung, die tief empfundenen Gefühle zu Männern und der gleichzeitige Druck, diese nicht zeigen oder gar leben zu dürfen, erklären hingegen viele Verhaltensweisen Ludwigs.

So haben andere Könige, um auf der gleichen sozialen Ebene zu bleiben, in dem ständigen Bemühen, ihre Neigung zu verstecken, versucht, diese Ängste anders zu kompensieren; Häfner führt hier einige historische Beispiele an.

Sein Buch erinnert an eine Kriminalgeschichte mit akademischem Charakter. Bei der Tat geht es nicht um das „Ende“ des Königs, sondern um dessen Entmachtungsverfahren. Die daran beteiligten Personen werden detailliert, auch mit ihren Motiven dargestellt. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren ordnet Häfner die Person Ludwigs nicht nur in einen festgelegten historischen Kontext ein, sondern leitet diesen aus einer psychiatrischen Sicht neu ab.

Obwohl Häfner es vermeidet, allzu wissenschaftlich zu schreiben und kaum Fachbegriffe verwendet, ist die solide und quellengestützte Forschungsarbeit streckenweise nicht ganz leicht zu lesen, wenn man sich bisher noch nicht mit Psychologie beschäftigt hat.

Mit der für ihn typischen Akribie schildert Häfner in 13 Kapiteln die Persönlichkeitsbildung Ludwigs und geht dann auf die bereits in seiner Festrede festgestellte Bausucht ein. Er geht der Frage nach, welche Mittel zur „Beseitigung unerwünschter Herrscher“ zur Verfügung standen. Nachdem er ausführlich auf das Verfahren der Entmachtung selbst eingeht, veranschaulicht er den Zustand der Psychiatrie zu Ludwigs Lebzeiten. Sowohl der Psychiater Gudden als auch dessen entscheidendes Gutachten werden untersucht. Auch eine mögliche erbliche Belastung in der Familie des Königs wird in Betracht gezogen. Die Entmachtung des Königs und die anschließende psychiatrische Internierung bilden mit der Analyse der Schädel- und Hirnsektion den Abschluss.

Dieses Werk offenbart angenehm unaufgeregt, dass nicht die Todesursache selbst entscheidend ist, sondern der gesamte Verlauf der Absetzung und die Wahl der Mittel, mit denen Ludwig „beseitigt“ wurde. Wohl zum ersten Mal wird das Zusammenspiel der Familie (die Wittelsbacher im 19. Jahrhundert), der Politik (der bayerische Landtag allgemein und die Regierung um den bayerischen Ministerpräsidenten Johann von Lutz im Besonderen) und schließlich der Medizin (in Person des Psychiaters Bernhard von Gudden und seinen beteiligten Kollegen) schlüssig geschildert, welches zur Beseitigung des Königs führte. Jeder der Beteiligten hatte ein Interesse daran, einen „schwulen König“ loszuwerden. Bis heute scheint es der Familie nicht sonderlich zu gefallen, mit diesen Fakten konfrontiert zu werden.

Man kann nur hoffen, dass Häfner dieses Thema weiter verfolgt und den Versuchen widersteht, ihn zu beeinflussen. Häfners Erfahrungen bei der Recherche sollte man jedenfalls zum Anlass nehmen, erneut eine Freigabe der Wittelsbacher Akten zu fordern. Diese sind Teil einer gemeinsamen Geschichte und sollten für jeden zugänglich sein.

Durch die gewissenhafte Arbeit von Häfner hat die Ludwig-Forschung „verlässliche Beiträge zur Aufklärung des Verfahrens“ an die Hand bekommen, die eine „objektive Beurteilung der Leistungen König Ludwig II. von Bayern (…) in der neuzeitlichen deutschen Geschichte“ ermöglichen. Hier wird das Leben Ludwigs von einem Insider beschrieben, der historische Fakten aus neuer Perspektive beleuchtet. Damit hat Häfner ein neues Standard-Werk vorgelegt, welches von jedem, der sich ernsthaft mit dem Leben Ludwigs beschäftigt, unbedingt hinzugezogen werden sollte.

Wer also genug hat von den vielen pseudohistorischen Räuberpistolen, in denen das Leben des „Kini“ bis zur Verkitschung verklärt wird, der findet hier ein Buch, das sich dem Menschen Ludwig von Wittelsbach mit all seinen Widersprüchlichkeiten widmet.

Berlin, 29.03.2009


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Time 15. Juni 2014 at 16:09

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