Erster Tag (Manuela Löhr)


10.06.2010

Der Nachmittag des ersten Tages begann um 16:00 Uhr bei gemütlicher Runde mit der Vorstellung des Programms durch Hildegard Afsali, die die Organisation für Sandra Borkowsky übernahm.

Wie schon seit 9 Jahren treffen sich Ludwigfreunde aus den unterschiedlichsten Regionen, sogar aus Belgien, in Füssen. Die Treffen finden jedes Jahr um den 13.06., dem Todestag von König Ludwig II., statt. Inhalt der Treffen sind kleine Wanderungen und abendliche Vorträge teils von namhaften Historikern.

Den ersten Vortrag am 10.06.2010 hielt, nach einer kurzen Rede von Frau Afsali, Herr Dr.  Ludwig Kirzinger. Er trug dabei sogar den für die letzten Lebensjahre des Königs typischen Hut. Der praktische Arzt und Psychotherapeut aus Starnberg beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Person König Ludwigs, dies sieht er sogar als eine Lebensaufgabe für sich. Passend zu seinem Beruf als Psychotherapeut beschäftigt er sich auch eingehend mit der Persönlichkeitsstruktur, dem Menschen König Ludwig II.

Dies ist auch Thema seines Vortrags, welcher optisch bereichert wurde durch selbst gestaltete Bilder der Künstlerin Beate Borgmann, die auch anwesend war, ihre Bilder vorstellte und ihre eigene Bewegende Geschichte erzählte. Sie erkrankte schwer an Brustkrebs und die Ärzte machten ihr keine großen Hoffnungen diesen zu überleben. Doch dann gab ihr der Psychotherapeut Ludwig Kirzinger durch seine Therapie wieder neue Lebenskraft. Sie wurde durch König Ludwig II. zur Malerei inspiriert und erstellte innerhalb kürzester Zeit wundervolle Fresken des Königs.

Deutlich wurde im heutigen Vortrag Herrn Kirzingers Anliegen, den König ein großes Stück zu rehabilitieren und das einseitig düstere Bild des verrückten und geisteskranken Königs zu korrigieren. Aufgrund der zahlreichen Facetten der Persönlichkeit König Ludwigs kam Herr Kirzinger zu der Erkenntnis, dass sich der König sehr gut als Projektionsfigur eignet. Jeder hat Anteile von Ludwig in sich und kann sich im König wieder finden. Wer selbst eher Kleinkrämer ist, sieht den König laut Herrn Kirzinger als Verschwender, wer selbst offener ist und eine künstlerische Ader in sich birgt, bewundert seinen Kunstsinn. Als besonders wichtig erachtet es Herr Kirzinger einen Menschen aus ganzheitlicher Sicht zu betrachten, alle Aspekte und Schattierungen der Persönlichkeit bei der Beurteilung von Menschen mit einzubeziehen. Er selbst informiert sich während seiner therapeutischen Tätigkeit über die nahen Bezugspersonen seiner Patienten und besucht sie am liebsten auch einmal zu Hause, um sich ein Bild von dem direkten Umfeld, der Lebenssituation machen zu können. Dem gegenüber wurde König Ludwig vom Gutachter Prof. Dr. Bernhard Gudden nicht auch nur einmal persönlich untersucht! Wohingegen der König von seinem Leibarzt, der regelmäßig engen persönlichen Kontakt zu ihm pflegte, ausdrücklich für nicht geisteskrank beurteilt wurde. Aber nicht nur in den Anfängen der Psychiatrie, auch heute noch gibt es Fehlurteile aufgrund ausschließlich anstudierten Wissens. Es wird ein Aspekt der Person herausgegriffen, dann folgt die Diagnose, welche sich dann zur Bestätigung unbedingt erfüllen muss. Solch einen Sachverhalt stellte Herr L. Kirzinger dann als Beispiel vor. So liegt es nach Meinung der Referenten an uns heute lebenden Menschen, ob wir aus der Geschichte, der tragischen Fehlentscheidung über König Ludwig etwas lernen, oder ob wir  immer wieder die gleichen Fehler machen. So versucht Herr Kirzinger die ganzheitliche Sicht nicht nur bei Patienten anzuwenden, sondern versucht auch, sich in die Person König Ludwigs einzufühlen. Es kristallisiert sich für Herrn L. Kirzinger heraus, dass König Ludwig auch viele positive Persönlichkeitsmerkmale hatte. Zunächst einmal kann man eine Person lesen, indem man seine Beziehungen zu anderen Menschen studiert. König Ludwig II. pflegte einen lebenslangen Briefwechsel mit seinem Cousin Prinz Willhelm von Darmstadt. Außerdem bestand ein langer, reger Briefwechsel zwischen dem König und Bismarck. Dies spricht durchaus für seine Beziehungsfähigkeit. König Ludwig muss auch einen wachen, scharfen Verstand gehabt haben, was die Detailgenauigkeit in den Bauanweisungen zeigt. Er war friedliebend, hatte laut Herrn Kirzinger ein, für seine Zeit, sehr Tier schützendes Verhalten und war auch schon dem Umweltschutz gegenüber offen, denn er äußerte sich schon damals kritisch gegenüber der hemmungslosen Ausbreitung der Verkehrswesens. Seine nicht ganz so guten Wesenzüge führte Herr Kirzinger auf frühe und auch späte negative Prägungen zurück, welche u. a. wären: Aufgezogen werden durch eine Amme gleich nach der Geburt, welche dann auch noch früh starb, strenge Erziehung, welche unter anderem auch teilweise nur beschränktes Sattessen beinhaltete, der Thronbesteigung mit gerade einmal achtzehn Jahren, zwei ungewollte Kriege und nicht zuletzt, was keine Prägung ist, sein schon von Anfang an Anderssein. Unbewusste Prägungen führen dann dazu, dass manche durchaus positiven psychischen Abwehrmechanismen, die jedem Menschen inne wohnen, zum Beispiel Verdrängung und Projektion, in die Übertreibung geraten und dadurch negativ werden. So hat man jedoch in König Ludwigs Zeit nur die negativen Aspekte herausgegriffen, um den König gezielt auszuschalten. Denn nur durch eine Entmündigung durch eine festgestellte Geisteskrankheit, die mindestens ein Jahr andauern musste, konnte man damals einen Herrscher absetzen. Und genau dies war Herrn Ludwig Kirzingers Meinung nach die Absicht des Ministeriums, welches sonst viel Geld und Macht verlor. Also zusammengefasst ein Staatsstreich!

Den Vortrag rundete Herr Kirzinger mit einem von ihm vorgelesenem Gedicht ab. Dieses stammt vom damals fünfzehnjährigen Verfasser Markus Schmitt. Es beinhaltet die wichtigsten und auch tragischen Situationen des Lebens König Ludwigs. Von 101 Kanonenschüssen kurz nach seiner Geburt über die Thronbesteigung, Wagner, zwei ungewollte Kriege, Enttäuschungen der Politik, Rückzug in die Abgeschiedenheit der Berge bis hin zu seinem tragischen Ende durch Internierung in Berg am Starnberger See, seinem Tod und die darüber hinaus bestehende Liebe des Volkes zu seinem König.

„Welche Person hat heute noch so viele treue Anhänger?“ War die Frage des Referenten Dr. Ludwig Kirzingers an sein Publikum.

Anschließend an den Vortrag gab es die Möglichkeit zur offenen Diskussion, welche auch rege in Anspruch genommen wurde.

Verfasserin: Manuela Löhr

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